Mai 2020

Kennen Sie
den Avocado-Effekt?

Wenn es um Zukunftstechnologien geht, scheint Deutschland hinterherzuhinken. Oder ist es nur ein Mangel an Kühnheit der Fantasien?

Sie schlendern durch den Supermarkt, sehen Avocados, drücken sie verbotenerweise, aber sie sind steinhart. Schade, denken Sie, aber morgen ist auch noch ein Tag. Am nächsten Tag kommen Sie wieder in den Supermarkt, drücken die Avocados. Noch immer: steinhart. Am nächsten Tag gehen Sie nicht einkaufen, aber einen Trag später, schieben Sie wieder Ihren Einkaufswagen in die Obstabteilung und drücken voller Vorfreude die Avocados. Sie sind matschig.

Sie sind zu spät gekommen. Eine Erfahrung, die man immer häufiger zu machen scheint – nicht nur bei Avocados. Immer öfter ist man zu spät dran – oder zu früh. Das ist der Avocado-Effekt – er lehrt uns, dass der richtige Zeitpunkt eine sehr kurze Zeitspanne geworden ist.

Zum Beispiel bei der Avocado selbst: Noch vor kurzem waren Avocados die Superfrucht schlechthin; etwas Gesünderes konnte man gar nicht kaufen. Doch dann erklärte man uns, dass ihre Aufzucht verheerende Folgen für die Anbauregion hat. Um eine einzige Avocado großzuziehen, sind bis zu 300 Liter Wasser notwendig. Was in den ohnehin wasserärmsten Regionen der Welt, wo Avocados gern angebaut werden, die Wasserarmut drastisch verschlimmert.
Was heute noch richtig ist, kann morgen schon falsch sein.

Die Zukunft ist unberechenbar geworden und somit auch das, was man früher als Fortschritt bezeichnete. Denn der Fortschritt ist, wie der Name vermuten lässt, etwas das in die Zukunft hineinreichen sollte. Möglichst in eine bessere.

Schauen wir also in die Zukunft und wenden wir uns den wirklich wichtigen Dingen zu. Beispielsweise der Zukunftstechnologie schlechthin, der Elektromobilität. Hier geht es nicht um einen „Healthy-Lifestyle“, sondern um die Perspektiven der deutschen Schlüsselindustrie und vielleicht sogar um die Zukunft unseres ganzen Planeten. Natürlich unterliegt ein so wichtiges Thema wie die Elektromobilität nicht dem Avocado-Effekt. Wirklich?

Sollten sich die Elektromobilität weltweit durchsetzen, könnten wir vielleicht bald verwundert feststellen, dass aus unserer Abhängigkeit vom Öl, die Abhängigkeit vom Rohstoff Lithium geworden ist. Lithium ist zurzeit unersetzlich für die Herstellung von Hochleistungsbatterien. In den Batterien jedes Elektroautos stecken circa 22 Kilo Lithium. Aber nicht nur dort bracht man Lithium, auch in jedem Laptop- oder Mobilfunk-Akku steckt Lithium. Kein Wunder, dass der Preis rasant ansteigt. Für eine Tonne Lithium bezahlten Käufer im Juni 2015 noch 7.000 Euro. Bis Ende 2016 stieg der Preis auf 18.000 Euro. Tendenz steigend. Vorsichtshalber kaufen Unternehmen auf der ganzen Welt Beteiligungen an der Lithiumgewinnung. Natürlich, denn wer will morgen zum Lithium-Bittsteller werden? Die Deutschen Rohstoffagentur nennt das Leichtmetall einen „Schlüsselrohstoff der kommenden Jahrzehnte“.

Dieses Investment kann ein großes Geschäft werden. Außer, die ganze Elektromobilität-Branche wird „disrupted“, weil jemand einen „Battery-Hack“ gefunden hat. Oder aber – wie wir bei der Avocado – weil sich die öffentliche Meinung dreht. Ende 2018 tauchten die ersten Videos in den sozialen Medien auf, die zeigten, was der Abbau von Lithium für die betroffenen Regionen bedeutet: ein noch größeres ökologisches Desaster als der Avocadoanbau. Eines der Hauptabbaugebiete für Lithium ist derzeit Chile. Lithium ist ein Alkali-Metall, das über einem Verdunstungsprozess gewonnen wird. Aus unterirdischen Quellen pumpt man mineralhaltiges Grundwasser in riesige Becken und lässt das Wasser in heißer Wüstensonne verdunsten. Aus den unterschiedlichen Salzen, die sich nach und nach im Becken absetzen, wird dann in einem chemischen Prozess Lithiumkarbonat gewonnen. Für diesen Verdunstungsprozess wird also Wasser gebraucht. Sehr viel Wasser. Mit der Folge, dass in der Region der Grundwasserspiegel sinkt, Flussläufe und Feuchtgebiete austrocknen. Wasserknappheit, Bodenkontaminierung und verseuchtes Trinkwasser sind die Folgen, denn das Abwasser aus diesem Abbauprozess wird meist ungeklärt abgeleitet. In Zahlen: Für die Herstellung einer Tonne Lithiumkarbonat werden zwei Millionen Liter Wasser benötigt. Und das – wie schon gesagt – in einer der trockensten Gegenden der Erde.

In Santiago de Chile protestierten bereits Menschen gegen die Umweltzerstörung durch die Lithiumgewinnung, von der im Land nur wenige profitieren, unter der aber viele zu leiden haben. Entsteht da eine öffentliche Bewegung, die in ein paar Jahren – nachdem Milliarden in die Elektromobilität geflossen sind – von aufgebrachten Protesten ein großes Umdenken fordern? Gehen die Menschen vielleicht in acht Jahren auch hier auf die Straße? Nieder mit dem Lithiumkartell, ein Hoch auf das Wasserstoffauto?

Den Avocado-Effekt mit der Elektromobilität beschrieb Wolfgang Bernhard, bis 2017 Vorstand der Daimler AG, treffend: „Wer zu früh kommt, verliert ein Vermögen, wer zu spät kommt, verliert den Markt.“ Sind wir aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Welt auf ewig dazu verurteilt, zu früh oder zu spät zu kommen?

Nein, der Avocado-Effekt soll verdeutlichen, dass unser Warten auf den einen, den absolut richtigen, Moment das Problem ist.

Die Sehnsucht, genau den Zeitpunkt abpassen zu können, an dem aus Zukunft Gegenwart geworden ist – aber bitteschön noch nicht wieder Vergangenheit –, ist verständlich. Aber sehr gefährlich. Das Dilemma unser Autobauer beschreibt der deutsche Jugendbuchautor Peter Maar sehr schön in seinem Gedicht Zukunft:
Die Zukunft kommt schon morgen früh? Kann man die nicht verschieben? Ich wär so gern und zwar mit dir im Heute hier geblieben.

Die deutschen Autohersteller würden gern im Hier und Heute der Verbrennungsmotoren bleiben. Mit Blick auf die Herausforderungen der Elektromobilität, könnte man dafür Verständnis aufbringen. Das eigentliche Problem jedoch ist grundsätzlicher: Zukunftsträgheit. In zu vielen Unternehmen ist die Zukunft etwas, mit dem bitte die anderen schon mal anfangen sollen – man hat Wichtigeres zu tun. Optimieren. Sparen. Verschlanken. Doch Zukunft wird nicht in einer Exceltabelle geboren. Sie ist kein Abfallprodukt im Tagesgeschäft. Zukunft entsteht in der Kühnheit der Fantasie, sich ein besseres Morgen vorzustellen.

Seine Zukunft muss man sich erarbeiten. Täglich. Es gibt einen Raum der Möglichkeiten. Wer ihn nie betritt, kann seine Zukunft nicht gestalten. Wir sollten für unsere Schlüsselindustrie einen Raum der Möglichkeiten schaffen. Die Initiative ergreifen: Zukunft Auto. In ihr denken alle Vordenker und Innovatoren, die wir aufzubieten haben, das Auto neu. Außer dem selbstfahrenden Auto und der Elektromobilität gibt es noch mehr Ideen für die Zukunft des Autos. Man muss nur damit anfangen, sie sich auszudenken. Und aufzuschreiben. Das wäre schon einmal ein Anfang. Der Avocado-Effekt lehrt uns, dass der richtige Zeitpunkt eine kurze Zeitspanne geworden ist: Was heute noch richtig ist, kann morgen schon falsch sein.

Aber das Gegenteil ist auch richtig: Was heute noch falsch ist, kann morgen schon richtig sein.



Peter Goldammer / Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / Impressum / Datenschutz / Cookie-Einstellungen