Peter Goldammer

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„LEBENSZEIT SCHWÄNZEN…“

Ein Gespräch von Peter Goldammer mit seiner Lektorin.

Sie sind recht spät Romancier geworden. Gab es da eine Art Initialzündung?
Wir alle haben einen Affen auf dem Rücken, der uns permanent ins Ohr flüstert, was wir tun und was wir lassen sollen. Mein Affe hat mir schon vor Jahren zugeflüstert, dass es nichts Großartigeres auf der Welt gibt, als Schriftsteller zu werden. Doch mein Verstand hat sich gewehrt: zu einsam, zu anstrengend, zu schlecht bezahlt sei dieser Beruf. Also wählte ich den – wie ich damals glaubte – cleveren Kompromiss und ging in die Werbung. Da konnte ich schreiben: ohne Einsamkeit, ohne Selbstzweifel, aber für viel Geld. Die achtziger und neunziger Jahre waren wunderbar: Ich hing mit schönen Menschen in schönen Büros herum, dachte mir Blödsinn aus und machte eine Menge Geld. Aber mein Affe schwieg nicht.

Was hat er Ihnen denn geflüstert?
Andé Heller hat einmal in einem Interview gesagt, dass der Sinn des Lebens für ihn darin bestehe, etwas aus seinen „gottgegebenen Talenten“ zu machen. Alles andere, sagte er, bedeutet „Lebenszeit zu schwänzen.“ Diese Aussage hat mich getroffen wie ein Hammerschlag. Mir wurde klar, dass es genau das war, was ich tat: Ich schwänzte mein Leben.

… Und daraufhin haben Sie sofort mit dem Schreiben angefangen?
Ich habe damals für mich geschrieben, musste aber feststellen, dass ich lediglich neunmalkluge Fragmente aneinander reihte. Ich glaubte, aus meiner komfortablen Position als Werbechef heraus Romane schreiben zu können. Das war eine Illusion.“

Warum?
Das habe ich mich auch lange gefragt: Warum musste ich erst meine Karriere in der Werbung gegen die Wand fahren, um zum Geschichtenerzähler zu werden?
Vor ein paar Monaten habe ich Prof. Hugo Schmale interviewt, einen der ganz großen Experimental-Psychologen. Er erläuterte mir, dass ein echter Neuanfang nur so geht: Man muss Brücken hinter sich abbrechen. Das habe er empirisch immer wieder nachgewiesen: „Wer etwas Neues finden will“, sagte er, „braucht erst einmal ein Nein zum Status Quo, daraus entsteht Freiheit. Und nur aus Freiheit entsteht wirklich Neues.“ Als ich zaghaft nachfragte, ob das nicht riskant sei, lächelte er nur. „Menschen glauben, man würde mehr Sicherheit gewinnen, wenn man behält, was man sicher zu haben glaubt, aber wer aus der Sicherheit heraus etwas Neues sucht, gewinnt nichts Neues, sondern nur – und nur vielleicht – etwas anderes.“
Zum Abschied meinte er noch: „Wer Sicherheit will, sollte gar nicht erst geboren werden. Im Leben gibt es keine Sicherheit.“ Ich war geradezu erlöst. (lacht) Nach vielen Jahren hatte mir ein renommierter Forscher bestätigt, dass der Weg hin zu einem neuen Leben riskant und steinig sein muss - genauso ergeht es auch der Protagonistin meines Romans.

Sind Schreiberfahrungen aus Ihrer Zeit in der Werbung in die Arbeit an dem Roman eingeflossen? Oder ist diese Art des Schreibens eine ganz andere?
Werbetexten ist wie ein Hundertmeterlauf, einen Roman zu schreiben ist dagegen ein Marathon. Es erfordert eine andere Technik, eine andere Ausdauer. Und eine die Bereitschaft, sein Inneres nach außen zu kehren. Aber es fällt schon auf, wie viele Schriftsteller aus der Werbung kommen: Martin Suter, Jan Weiler, Wolf Haas, Carlos Ruiz Zafón und viele mehr.

Ihr Romanheld ist eine Romanheldin: Thaïs Leblanc. Was hat Sie dazu bewogen, die Perspektive einer jungen Frau einzunehmen?
Meine Figuren wählen mich aus, nicht umgekehrt. Anfangs habe ich noch Widerstand geleistet, habe geglaubt, dass ich mir Figuren ausdenken kann und mühte mich eine Zeit lang ab, aus Thaïs einen Mann zu machen. Aber es funktionierte nicht. Heute habe ich meinen Frieden damit geschlossen, dass sich meine Figuren selbst erschaffen und nicht ich sie.

Trotzdem, es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Sie diese Perspektive einnehmen. Gibt es ein Vorbild für Thaïs? 
Nein. Aber ich bin begeisterter Vater von drei erwachsenen Töchtern. Da ist mir die Gefühlswelt junger Frauen sehr nahe.

Thaïs kommt aus der Welt des Zirkus, die sie entflieht, um wieder von ihr eingeholt zu werden. Haben Sie selbst eine besondere Beziehung zum Zirkus?
In meiner Kindheit gab es nicht viele magische Orte für mich. Aber der Zirkus war einer davon. Ein Ort, an dem ich ins Träumen kam, schon bevor die Vorstellung begann und lange danach. Im Kino war und ist das anders: der Zauber wirkte nur, wenn der Film läuft. Sowie das Licht wieder aufflammt, ist der Zauber erloschen.

Es ist nicht irgendein Zirkus, um den es in Ihrem Roman geht. Der Zirkus der Stille ist in den Händen von rumänisch stämmigen Roma. Was hat sie an diesem Milieu fasziniert?
Als ich etwa dreizehn war, träumte ich eine Woche lang einen Traum, der mich jede Nacht auf eine Lichtung mit einigen Zigeunerwagen führte. Dort traf ich im Geheimen – niemand durfte davon wissen – eine junge Roma. Sie war sehr schön und sehr klug. Wir redeten die ganze Nacht über Gott und die Welt. Die Gespräche waren eine Offenbarung für mich. Nach einer Woche sagte sie zu mir, dass sie jetzt weiterziehen müsse. Ich war todtraurig. Doch sie tröstete mich damit, dass wir uns wiedersehen würden. Es hat über vierzig Jahre gedauert, aber sie hat Wort gehalten.

Ein Schlüsselbegriff in Ihrem Roman ist das Staunen, was hat es damit auf sich? Verbirgt sich dahinter eine bestimmte Haltung zur Welt?
Das Staunen nicht zu verlernen, ist das Beste, was uns passieren kann. Wer staunt, meint nicht alles zu durchschauen, bewahrt sich eine Portion Demut und Neugier der großen Aufführung gegenüber, die wir Leben nennen. Staunen heißt für mich zu akzeptieren, dass wir Menschen eben nur ein Teil der Aufführung sind und nicht die Regie führen.

Eine Frage, mit der sich Thaïs immer wieder konfrontiert sieht, ist die Frage danach, was es bedeutet ein gutes Leben zu führen, seinen eigenen Weg zu gehen? Wie würden Sie diese Frage beantworten?
Wenn unsere Vorstellung zu Ende geht, zählt nicht der Applaus von anderen. Andere beklatschen nur unsere gesellschaftliche Rolle, die Oberfläche. Selbst betrug funktioniert am Ende nicht mehr. Aber wenn man sich lächelnd verbeugen kann und für sich selbst einmal anerkennend in die Hände klatschen kann – das reicht schon.

Und wie erreicht man diese Anerkennung sich selbst gegenüber?
Wir ernten, was wir sähen. Das habe ich selber erfahren: Man kann sich noch so teuer verkaufen, man wird doch immer ärmer. Andersrum funktioniert es. Wenn man mehr Liebe und Talent verschenkt, als man erhält, wird man immer reicher. Ein Mysterium, aber es funktioniert.